Die Seuche und das Internet: Wie Spiele, Verschwörungstheorien und virale Geschäftemacher von der Ansteckungspanik profitieren.

 

Wenn der Kanzleramtsminister mal einen Moment Pause hat, was selten vorkommt, dann genehmigt er sich eine Runde Computerspiel. Dr. Helge Braun ist gelernter Notfallmediziner, derzeit zuständig für die Digitalisierung Deutschlands und ein großer Fan von Plague Inc.. Die Aufgabe ist gewöhnungsbedürftig: Der Spieler muss möglichst schnell die gesamte Weltbevölkerung ausrotten, mit Viren, Bakterien und Seuchen, die er selbst gestalten kann.

Was in Zeiten des Corona-Virus brutal und nahezu zynisch klingt, hat vor allem für Mediziner einen spannenden Hintergrund. Denn Plague Inc. ist realitätsnah gestaltet: Welche Erreger sind hitze- oder kältebeständig, wie verläuft die Übertragung, auf welchen Verkehrswegen verbreitet sich die Seuche in der ganzen Welt? Kurz: Wer Plague Inc. beherrscht, der versteht was von Seuchen. Das Corona-Virus hat dem acht Jahre alten Spiel zu neuer Popularität verholfen. Man dürfe Plague Inc. zwar nicht als medizinisch korrektes Drehbuch verstehen, mahnen die Entwickler, doch Eltern wissen, dass ihre Heranwachsenden nach ein paar Runden Plague überraschende Lernerfolge in Geographie, Virenkunde und Hygiene vorzuweisen haben.

Das unheimliche Corona-Virus, das sehr analog die Welt verschreckt, sorgt auch im Internet für merkwürdige Dynamik. Menschen informieren sich nicht nur über den neuesten Stand, sondern nutzen die digitale Welt für seuchen-nahe Unterhaltung, verbreiten Verschwörungstheorien oder machen hemmungslos Reklame. Kaum hatte sich das Virus erstmals gezeigt, versicherte mir etwa ein Sportsfreund, dass Corona aus einem geheimen Labor entwischt sei, das habe er hundertprozentig zuverlässig aus dem Internet erfahren. Klar, natürlich. Ob HIV, Ebola oder Sars – haben wir diese Story nicht noch bei jedem Erreger gehört? Nur: Wer war´s diesmal? Vatikan, israelischer Geheimdienst oder doch die Illuminaten? Weder noch, versicherte mein Bekannter, diesmal seien die USA beteiligt, wobei nicht ganz klar sei, ob das Virus versehentlich in Umlauf gelangt sei. Ziel sei jedenfalls, die Zahl der Chinesen zu dezimieren, aus Gründen. Ich habe schon bessere Stories gehört; Corona wird sie noch hervorbringen.

Noch schneller als die Panik, verbreiten sich derzeit zweifelhafte virale Kaufangebote. Schlaufüchse nutzen Suchworte wie „Corona“ und verkaufen nun Atemmasken, die im Baumarkt wenige Cent kosten, als Corona-Schutz für ein Vielfaches. Geschäftstüchtig auch die Anbieter von Corona-Schnelltests für Hunde und Katzen. Bei den vierbeinigen Lieblingen spielt der Preis keine Rolle. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis homöopathische Abwehrtropfen online zu erwerben sind.

Eine Reklamegelegenheit witterte auch das Startup BlueDot aus Toronto. Anhand von Flugdaten und allerlei anderen frei zugänglichen Informationen will das Unternehmen angeblich die Ausbreitung von Infektionskrankheiten schneller und zuverlässiger vorhersagen als Gesundheitsbehörden. Man sei auch diesmal deutlich schneller gewesen als etwa die amerikanische Seuchenzentrale, so wie schon bei Ebola 2014 und Zika 2016, wirbt Startup-Gründer Kamran Khan in dem Magazin Wired: „Wir nutzen Spracherkennung und maschinelles Lernen, um der Software den Unterschied zwischen dem Ausbruch von Anthrax in der Mongolei oder um die Heavy-Metal-Band Anthrax beizubringen.“

Klingt trivial, ist es aber nicht. Obgleich das Ausbreiten einer Seuche mathematisch-statistisch keine Jahrhundertaufgabe ist, war ein Tochterunternehmen des milliardenschweren Tech-Konzerns Google an exakter dieser Aufgabe grandios gescheitert. Es sei noch etwas früh für derlei Vorhersage-Instrumente, erklärt Google kleinlaut. Bis dahin liefert vermutlich Plague Inc. die zuverlässigsten Prognosen. Ansonsten gilt ganz analog: Nicht durchdrehen, nicht anhusten lassen und häufiger mal die Hände waschen.