Das Darknet ist die Bahnhofsgegend des Internets. Hier ist angeblich alles zu haben, was verboten ist. Unser Kolumnist hat sich auf eine Expedition ins digitale Reich der Düsternis begeben. Sind ihm jetzt NSA und BKA auf den Fersen?

Neulich beim Abendbrot, nachdem wir die aktuelle Klausurenlage unserer Söhne in der üblichen Oberflächlichkeit abgefragt haben, kommt die Sprache auf die dunkle Seite des Internets. Der Religionslehrer habe Matrix als Lehrmaterial empfohlen, erzählt der Kleine, weil: Dieser zwanzig Jahre alte Fantasy-Film über die Machtübernahme durch Maschinen übersetze das Höhlengleichnis von Platon ins 21. Jahrhundert. Die Kinder höhnen, weil ich Matrix digital auszuleihen gedenke.

„Gibt´s alles gehackt“, sagt der Große, strafmündig. Die Jungs protzen mit Halbwissen aus dem digitalen Paralleluniversum, von Waffen, Drogen, Killern, die man frei Haus bestellen könne. Die Chefin sagt „Quatsch“, während ich beim Abwasch grübele, warum ich noch lebe, wenn Auftragsmörder so leicht zu mieten sind. Haben meine Söhne halbstarkes Angebergewäsch wiederholt? Oder ist es wirklich so leicht, an Koks und Knarren zu gelangen?

Die Familie schläft, als ich leise Pink Floyd auflege und mich mit einer Skimaske vor den Rechner setze. Meine Kamera ist abgeklebt, aber angeblich verstecken die Hersteller weitere Linsen im Display. Ich fühle mich angenehm halbkriminell, als ich mich auf die dunkle Seite schleiche. Das Darknet ist die Bahnhofsgegend des Internets; hier treiben sich Kapuzenmenschen herum, Kartenzahlung ist unüblich.

Als Portal ins Reich der Düsternis dient der Tor-Browser, der im Gegensatz zu Chrome oder Safari meine Anschlussdaten über mindestens drei Server leitet und dabei unkenntlich macht. Tor ist in zwei Minuten installiert, läuft gleichwohl ziemlich langsam. Ich hatte mir Kriminell-Sein ein klein wenig aufregender vorgestellt.

Nächster Schritt: eine Suchmaschine. Die Fachpresse empfiehlt „Hidden Wiki“. Die Seite sieht amateurhaft aus, bietet aber Links zu allem, was Strafverfolger elektrisiert. Ich könnte pfundweise Cannabis bestellen, auch als Keks nach Jamie-Oliver-Rezept, dazu einen britischen Pass (aber warum?), gefälschte Dollarnoten ­– 1.300 echte für 5.000 falsche –, oder einen Profi-Hacker anmieten, der für pauschal 500 Euro angeblich größere Webseiten lahmlegt, Mailverkehr ausspioniert oder „Menschen ruiniert“, was immer das bedeutet. Angeblich gibt es sogar Crowdfunding-Aktionen, wo weltweit Geld gesammelt wird für einen Auftragsmord. Wüste Story. Aber stimmt sie auch?

Könnte ja sein, dass sich die Polizei auch für derlei Offerten interessiert. Angeblich haben NSA und BKA nahezu jeden im Blick, der mit Tor surft. Kein Wunder, dass die meisten Links nicht funktionieren. Alles ändert sich ständig, um jedes Verfolgen zu verhindern. Das Darknet ist ein Versteck, aus dem sich unerkannt mit der Welt kommunizieren lässt, Lebensversicherung für Dissidenten und Whistleblower. Anonymität dient Freiheitskämpfern ebenso wie Kinderschändern.

Die Politologin Meropi Tzanetakis hat das Darknet untersucht und herausgefunden, dass beispielsweise die Drogenkunden jung und technikaffin sind, berufstätig, eher Feierbiester als Dauerkonsumenten, und zu schätzen wissen, dass die vielen Kundenbewertungen, wie bei Amazon, für bessere Preise und Qualität sorgen als beim ambulanten Händler im Park. Andererseits: Gewährleistung fällt aus. Wird die vorab bezahlte Ware nicht geschickt – bei wem soll man sich beschweren?

Der Journalistenberuf hat den Vorteil, dass man jeden Quatsch zur Recherche erklären kann; gleichwohl wird mir blümerant bei der Idee, ein Bitcoin-Konto einzurichten und abzuwarten, bis die Nachbarn im Urlaub sind, um deren Adresse gleichsam als anonymen Briefkasten anzugeben. Zu gern hätte ich beim nächsten Abendbrot beiläufig eine Magnum 45 auf den Tisch gelegt, um meine wachsende Digitalkompetenz nachzuweisen. Leider traue ich mich nicht. Und hoffe, dass es vielen anderen Menschen auch so geht.