Macht uns das Internet klüger, glücklicher, attraktiver? Eher nicht, sagt Professor Gerd Gigerenzer und erklärt unserem Kolumnisten Hajo Schumacher, warum das Smartphone ein sehr wirksames Verhütungsmittel ist.

Wir haben wirklich alles versucht: Regeln, Gespräche, Wutausbrüche. Aber gegen das digitale Süßwarenangebot aus dem Internet sind Eltern, die mit Buchseiten wedeln, meistens machtlos. YouTube-Videos sind nun mal attraktiver als binomische Formeln, Smartphone-Games spannender als Bundesjugendspiele, das Getratsche auf WhatsApp ist aufregender als die Gruppenarbeit über Bismarcks Reformen. Bleibt die bange Frage: Was macht die digitale Reizüberflutung mit unseren Kindern, mal abgesehen davon, dass die Handschrift immer unleserlicher wird? Oder alles nur Panik? Kennt man ja von früher. Unsere Eltern behaupteten, dass die Augen vom vielen Fernsehgucken viereckig würden und wir alle zu Killern, weil wir mit ansahen, wie sich Tom und Jerry pro Folge mindestens dreimal auf gruseligste Art ermordeten.

Professor Gigerenzer, Bildungsforscher am Berliner Max-Planck-Institut und Regierungsberater in Verbraucherfragen, ist ein gediegener Herr von 72 Jahren, kein Panikmacher, der allenthalben digitale Demenz wittert, sondern eher Vertreter der neuen Gelassenheit, der interessiert beobachtet, was das Smartphone mit seinen Studierenden macht – ablenken. Bei manchen Seminararbeiten, sagt der Professor, könne er exakt die Stelle identifizieren, an der die Aufmerksamkeit Richtung Smartphone entschwand.

Warum ist die digitale Welt so attraktiv, Herr Professor? Ganz einfach, sagt Gigerenzer, weil jede Minute online bares Geld für die großen Digitalkonzerne bedeutet. Die Werbeeinnahmen von Facebook, YouTube und all den anderen bemessen sich danach, wie lange die Menschen im Netz sind. Also tüfteln hochdotierte Psychologen an allerlei Tricks, uns an der digitalen Nadel zu halten, mit Guckfutter, Fortsetzungen, immer neuen Kicks. Die Dealer aus Kalifornien liefern zuverlässig.

Und die Nebenwirkungen? Beträchtlich, sagt Gigerenzer. Eine ganze Generation sei abhängig vom „Like“, vom Drang, gemocht zu werden und vom permanenten Schönmalen der Realität. Kaum ein Foto, das unbearbeitet ins Netz geht. Wo aber alle schummeln, ist keiner mehr glücklich. Das ständige Vergleichen, etwa auf Instagram, beeinflusst das ohnehin labile Körpergefühl junger Menschen offenbar negativ. Umfragen unter heranwachsenden Briten ergaben, dass fast alle sozialen Medien die Laune der Nutzer nach unten trieben. Wer sich viel online tummelt, wird sich eher hässlich oder langweilig fühlen und in düsteren Gedanken verlieren. Ausgerechnet die sogenannten sozialen Medien, so Gigerenzer, machten einsam und schlechtlaunig, was auch mit dem grassierenden Schlafmangel zu tun haben mag, unter dem junge Leuten offenbar deutlich mehr leiden als jene früheren Generationen, die mit der Taschenlampe unter der Bettdecke noch ein paar Seiten lasen.

Am Ende drehe sich der Kampf zwischen Mensch und Maschine um eine schlichte Frage, sagt Gigerenzer: „Wem gehört meine Zeit?“ Für sich selbst hat der Professor eine einfache Lösung gefunden: Sein Smartphone schaltet er nur selten ein. Gibt es da vielleicht einen Trick? Ja, sagt Gigerenzer: einfach machen. Und feststellen, dass nichts Schlimmes passiert. Internet-Konzernen wie Facebook oder Instagram empfiehlt Gigerenzer wiederum, für Dauernutzer einen Warnhinweis zu installieren, etwa: „Ab jetzt wird’s ungesund“. Noch wirkungsvoller wäre eine Nutzungsgebühr für soziale Medien, um deren Abhängigkeit von Reklame zu mindern und mithin den Zwang, die Sucht der Nutzer unentwegt anzufachen.

Und, gibt es auch positive Effekte hemmungsloser Online-Nutzung? Durchaus, sagt Gigerenzer. In den USA sei die Zahl minderjähriger Mütter deutlich zurückgegangen. „Wer seine Freunde nur digital trifft, kann eben nicht schwanger werden.“